Dat Boßeln

Menschen, die auf der Straße Boßeln

De Oostfreese un sien leevste Sport

„Schööt!!!“ [gesprochen: Schkööt] hallt es mal wieder über die Landstraße, da sind wohl mal wieder ein paar Ostfriesen unterwegs. Tjado, Nanko, Doortje, Lüka, Aiko, Ubbo, Gesa und Mooltje gehen, wie immer, in der kalten Jahreszeit ihrem Lieblingssport nach, dem Boßeln. Gespielt wird auf wenig befahrenen oder gesperrten Straßen, die mit entsprechenden Schildern gekennzeichnet sind. Gut gerüstet mit Boßelkugeln und Boßelsuchern haben sich die Acht auf den Weg gemacht die ca. 9 km lange Strecke zu boßeln. Gerade wirft Doortje und schafft sagenhafte 175 m, bevor die Kugel zum Liegen kommt. Gesa wirft, den sehr genauen Anweisungen Ubbos folgend, um die Kurve richtig zu meistern, als Nächste und schafft immerhin 90 m. Da nun das Team von Ubbo und Gesa hinten liegt, darf Mooltje aus dem gleichen Team als Nächste werfen, doch reicht es bei ihr gerade mal für 65 m. „Schööt!!!“ hallt es auch wieder so gleich über die Straße. Tjado, Nanko, Doortje und Lüka feiern diesen Punkt mit dem mitgebrachten Glühwein. Auf geht’s in die nächste Runde!

Klootscheten of Boßeln – Wat den nu?

Hin und wieder werden diese beiden Begriffe gerne durcheinandergebracht, obwohl sie genau genommen zwei unterschiedliche Sportarten betiteln. Das Boßeln hat sich zwar aus dem Klootschießen entwickelt und fand schnell breiten Anklang bei den Dörflern, weil es einfacher zu spielen war, im Laufe der Zeit haben sich Spielgerät und Regeln anders weiterentwickelt. Die wichtigsten Unterschiede sind wohl:

  • Klootschießen: Spielfläche ist das im Winter brachliegende Feld, der Kloot hat einen Durchmesser von ca. 58 mm und ist mit Blei gefüllt, für den Abwurf wird in der Regel eine Abwurframpe verwendet
  • Boßeln: Spielfläche ist die befestigte und teilweise sogar befahrene Straße, die Boßel hat einen Durchmesser zwischen 8,5 cm (Jugend F) und 12 cm (Männer) und das Boßeln entstand erst um das 18. Jahrhundert herum

Möglicherweise war das Klootschießen bereits in der Antike bekannt, allerdings war es damals wohl weniger eine Sportart als vielmehr eine Verteidigungswaffe. Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus (56 n. Chr. ……- 120 n. Chr.) schreibt in seinem Werk „Germania“: „die Leute zu Fuß verschleudern auch Wurfgeschosse, jeder mehrere, und sie werfen sie außerordentlich weit.“ Ob da wohl ein paar kriegerisch gesinnte Friesen mit ihren Klooten ein paar Römern Beine gemacht haben? 😉

Jedenfalls gab es Klootschießen lange, bevor es zur sportlichen Disziplin und damit zum Freizeitsport wurde. Heute gibt es allein im ostfriesischen Raum um die 150 Vereine, die nicht ausschließlich zum Vergnügen boßeln, sondern in richtigen Ligen um die Meisterschaften spielen. Hier muss also zwischen Profi-Boßler und Freizeitboßler unterschieden werden. Wer übrigens glaubt nur der Ostfriese boßelt, liegt falsch. Natürlich befinden sich die meisten Hochburgen des Boßelsports in den ostfriesischen und anderen norddeutschen Regionen, sowie den Niederlanden, doch wer hätte es gedacht auch die Italiener, Spanier, Schweizer, Kanadier, Amerikaner und die Iren üben diesen Sport aus. So heißt der beliebte Sport in Italien Boccia su Strada, in Spanien Tiro de bola aragonesa, in der Schweiz Krugeln und in Kanada, USA und Irland Irish Road Bowling.

Kraft, Kondition und Technik

Boßeln ist also weitaus mehr als nur eine Kugel über die Straße zu werfen. Schließlich gibt es nicht umsonst die vielen Vereine, Verbände, Ligen und sogar Meisterschaften, in denen die verschiedenen Vereinsmannschaften gegeneinander antreten. Um die Kugel mit ordentlich Schwung über die Straße zu pfeffern, werden Kraft und eine gute Kondition gebraucht. Doch letztlich kommt es auf die richtige Technik beim Werfen an, da die Straßen selten gerade und schon gar nicht flach und eben verlaufen. Die gängigsten Techniken beim Boßeln heißen auf Platt „överd Dum“ (über den Daumen), „överd Finge“ (über den Finger) und „liek ut Hand“ (gerade aus der Hand), damit kann die Kugel mit oder ohne Drall gespielt werden. Außerdem ist es wichtig, dass die Flugbahn nicht zu steil ist, denn nur eine auf Weite geworfene Kugel legt eine wirkliche lange Distanz zurück.

Oberstes Ziel beim Boßeln ist Spaß und Freude

Das Wichtigste beim Boßeln ist jedoch die Gemeinschaft und dabei spielt es keine Rolle, ob mit Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen oder der Familie geboßelt wird. Das Gemeinschaftsgefühl und die Bewegung an der frischen Luft heben das Wohlbefinden und machen Jung und Alt einfach Spaß. Beim Freizeitboßeln ist natürlich auch immer für das leibliche Wohl gesorgt, wie die mitgeführten Bollerwagen beweisen. Zum Abschluss einer erfolgreichen Boßeltour gehören selbstverständlich die Einkehr in eine gute ostfriesische Gaststube und der Genuss von Grünkohl!